Alternativlos digital?

Wer heute das Wort Digitalisierung ausspricht, erhält nicht selten Rückmeldungen, die an „religiöse Bekenntnisse“ oder „Flow-Erlebnisse“ erinnern. Dabei geht es eigentlich um technologische Abläufe und deren Einfluss auf unser Leben. Führende Politiker und Wirtschaftslenker gehen aber von etwas aus, was aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist.

Es macht den Eindruck, dass diese Gruppe der Gesellschaft kaum noch an einer kompletten Digitalisierung der Zukunft zweifelt. Technik ist hier bereits zur Ideologie geworden. Zukunftsgläubigkeit zur neuen Religion. Fragt man aber einmal konkret, was es mit der Digitalisierung auf sich hat, dann sind die Antworten weit weniger konkret. Eine Definition hat kaum jemand parat – dafür aber reichlich Visionen. Beispiele gefällig?

  • Ohne Digitalisierung verlieren wir den Anschluss
  • Digitalisierung schafft und verändert Arbeitsplätze
  • Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts
  • Künstliche Intelligenz ersetzt stupide Arbeitsplätze
  • Industrie 4.0 ist der Garant für Wachstum

Widerspruch erntet, wer solche digitalen Heilsversprechen anzweifelt. Dabei gab es das alles schon einmal. Damals ging es um das ATOM. Unendliche Energie für die Menschheit. Das Ergebnis ist bekannt – der Ausstieg in einigen Ländern beschlossene Sache.

Wird die Digitalisierung nun ebenfalls zu einer Tabuzone der kritischen Auseinandersetzung? Wird es möglich sein, die Politik und die Wirtschaft davon zu überzeugen, dass viele Menschen lieber erst einmal diese neue Technik verstehen und abschätzen wollen, bevor sie sich darauf bedingungslos einlassen? Als Gegenargument werden dann Beispiele angeführt, die den technischen Durchdringungsgrad als unumkehrbar postulieren. Zum Beispiel das Smartphone , dass uns heute ein nahezu unendliches Universum an sozialen wie virtuellen Kontakten ermöglicht. Möchte man darauf wirklich verzichten?

Nein, möchte man nicht. Aber man möchte auch ungern die Kontrolle darüber verlieren. Neben den Milliarden von sms und whatsApps, die täglich die Bande der Menschheit enger knüpfen, haben findige Analytiker zum Beispiel ausgefeilte Beeinflussungsstrategien entwickelt. Cambridge Analytica warb offen damit, Wähler gezielt zu „überzeugen“. Ein erster kleiner Hinweis, welches die Risiken der Digitalisierung sein können. Wenn Marc Zuckerberg keinen Überblick darüber hat, was da mit Facebook-Daten geschah, wer hat es dann?

Realistisch digital!

Das alles ist kein Grund, Technologie generell zu verteufeln. Aber leider werden nachdenklichen Geistern gerne „Blockade-Haltungen“ und „Technikfeindlichkeit“ entgegen geschleudert. Warum eigentlich? Ist es nicht möglich, Grenzen in Technologien auszuloten? Werden diejenigen wirklich abgehängt, die auf „analoge menschliche“ Qualität setzten – und nur dort technische Unterstützung einsetzten, wo sie jederzeit die Kontrolle und Zugriff auf das haben, was da passiert?

Unternehmensberatungen, IT-Sicherheits-Experten und alle, die sehr wohl um die technologischen Risiken wissen, sollten anfangen, ein realistisches Bild der Digitalisierung zu zeichnen. Es geht nicht allein ums Verkaufen und Dienstleisten. Es geht darum, was wir wollen – und nicht darum, was wir maximal können.